Der Preisverfall der Büschelbohne bedroht indische Dörfer
Globalisierung

Der Fluch der Büschelbohne

Warum die Krise der Fracking-Industrie auch indische Dörfer vor große Schwierigkeiten stellt.

Frederic Spohr Von Frederic Spohr
6. November 2015, Indien
Farmer im indischen Bundesstaat Rajasthan. Foto: Frederic Spohr

Es waren goldene Zeiten, damals vor vier Jahren. Die Bauern im indischen Bundesstaat Rajasthan tauschten ihre Mopeds gegen Motorräder und ihre Ochsen gegen Traktoren. Rings um die Dörfer blühte die Büschelbohne, die kurzzeit zu einem der wichtigsten Rohstoffe der Welt aufstieg. Und mit der Büschelbohne blühten auch die Dörfer auf.

Doch diesen November ziehen die Bauern traurig auf die Felder. Die Ernte wird wegen des schwachen Monsuns mager ausfallen. Vor allem aber werden die Farmer nur einen Bruchteil der frühren Preise erzielen. Ganze Dörfer stehen nun vor einer wirtschaftlichen Katastrophe und rufen jetzt nach mehr Unterstützung der indischen Regierung.

Aus Viehfutter wird ein wertvoller Rohstoff

Was ist passiert? Die Geschichte der Büschelbohnen-Farmer ist ein Lehrstück darüber, wie die Globalisierung selbst das Leben der abgelegensten Orte auf den Kopf stellen kann. 2012 blickte die gesamte nordamerikanische Fracking-Industrie auf Rajasthan, von wo mehr als die Hälfte der weltweiten Büschelbohnen-Produktion stammt.

Die Bohne spielt beim Fracking eine entscheidende Rolle. Bei der Fördermethode wird eine Flüssigkeit in Gesteinsrisse gepresst, aus denen das Gas entweichen soll. Mit Hilfe des aus der Bohne gewonnen Guargummis erhält diese Flüssigkeit die perfekte Viskosität. So machte die Büschelbohne Karriere: Aus Viehfutter wurde plötzlich ein Rohstoff, von dem die globale Energieversorgung abhängt.

Büschelbohnen: vom Viehfutter zum wertvollen Rohstoff. Foto: Rohan Ghandi

Büschelbohnen: vom Viehfutter zum wertvollen Rohstoff. Foto: Rohan Ghandi

Die Preise stiegen rasant. 2012 erhielten die Bauern für 100 Kilogramm fast 30.000 Rupien (420 Euro). Doch heute sind es nur noch rund 4000 Rupien (55 Euro).

Gleich mehrere Faktoren drücken den Wert der Bohne: Die Fracker in USA und Kanada fahren wegen sinkender Energiepreise ihre Förderung herunter und haben einen geringen Bedarf an Guargummi. Außerdem sinkt die Nachfrage, weil einige Konzerne mittlerweile synthetischen Ersatz zum Guargummi entwickelt haben – sie wollen unabhängiger von Indiens Büschelbohnen-Farmer werden.

Nicht nur die Bauern in Rajasthan spüren die Folgen. Auch Fabriken, welche die Bohnen weiter verarbeiten, stehen vor dem aus, sagt Dilip Soni, Chef des Guargummi-Produzenten Shree Ram Gum and Chemicals. Viele seiner Wettbewerber müssten schließen, könnten ihren Strom nicht mehr bezahlen und hätten ihre Fabriken stillgelegt. Tausende Menschen seien von den der Krise der Industrie betroffen.

Den Bauern bleibt nur die Hoffnung auf bessere Zeiten. Sie horten ihre Bohnen im Glauben, dass die Preise wieder nach oben gehen. Zeit haben sie: Büschelbohnen haben eine lange Haltbarkeit – doch das heißt auch, dass sich das Überangebot so schnell nicht abbauen wird.

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