Anderthalb Jahre nach dem jüngsten Militärputsch in Thailand steht die Wirtschaft des Landes vor großen Problemen: Die Geschäfte der Exporteure gingen zuletzt um fast sieben Prozent zurück, die Konsumenten sind ungewohnt pessimistisch und das Wirtschaftswachstum ist so niedrig wie in keinem anderen Schwellenland der Region. Der Internationale Währungsfonds (IWF) senkte in seiner Herbstanalyse die Wachstumsprognose von 3,7 Prozent im April auf nun 2,5 Prozent ab.
Doch in dem relativ düsteren IWF-Bericht steckt auch eine Zahl, die so gar zu den anderen Hiobsbotschaften passt. Thailands Arbeitslosenrate liegt in diesem Jahr bei mickrigen 0,8 Prozent. Thailand ist damit Rekordhalter unter den 50 größten Volkswirtschaften. So wenige Arbeitslose gibt es in keinem anderen Land. Zum Vergleich: In China, das deutlich stärker wächst als Thailand, haben 4,1 Prozent der Erwerbsbevölkerung keinen Job. In Indonesien sind es sogar 5,8 Prozent.
Schlechte Wirtschaftslage, aber trotzdem so gut wie keine Arbeitslosen – wie kann das sein? Ein Grund liegt in Thailands Sozialsystem, das Arbeitslosen nur eine sehr begrenzte Unterstützung bietet. Es gibt daher kaum Anreize, länger arbeitslos zu bleiben als unbedingt nötig. Viel wichtiger ist aber die Flexibilität des Arbeitsmarktes – und auch die der Thailänder. Der Großteil der Bevölkerung hat für den Fall eines Jobverlustes auch einen Plan B in der Tasche. Bei den meisten Arbeitern in Großstädten wie Bangkok bedeutet das: zurück aufs Land. Ein Verwandter, der auf seinem Acker noch ein wenig Unterstützung braucht, findet sich im Notfall fast immer. Wie ein Schwamm saugt die Landwirtschaft so die Arbeitskräfte auf, die an anderer Stelle keine Jobs finden – und beschäftigt so rund 40 Prozent der Erwerbstätigen.
Selbstständig mit Tisch und Tee
Arbeitsmöglichkeiten gibt es aber auch abseits der Reisfelder genug: An den Straßenkreuzungen in Bangkok bieten Motorrad-Taxifahrer ihre Dienste an, auf den Gehwegen bauen Verkäufer ihre mobilen Garküchen auf und Händler breiten Handtaschen, T-Shirts und Uhren auf Fußgängerübergängen aus. Sie gehören zu Thailands informellen Sektor, der einen großen Teil der Volkswirtschaft ausmacht. Wer sich selbstständig machen will, braucht nicht viel: Ein Tisch, Tee und heißes Wasser reicht schon aus, um einen typischen Getränkeladen zu gründen.
Dass jeder, der arbeitsfähig ist, auch eine Arbeit findet, verwundert deshalb nicht. Doch eine Arbeit zu haben, bedeutet noch lange kein gutes Leben. Während für Angestellte ein Mindestlohn von umgerechnet rund 7,50 Euro pro Tag gilt, müssen die Bauern und Selbstständigen oft mit noch deutlich weniger auskommen. Solange die Wirtschaft nicht an Fahrt gewinnt, kann auch das Jobwunder die Sorgen der Thailänder nicht lösen.
Interessieren Sie sich für Korrespondentenberichte aus Thailand und Südostasien? Dann folgen Sie uns doch auf Facebook.