Die irren "Anti Romeo Squads" des radikalen Hindu-Priesters - 8MRD.COM
Indien

Die irren „Anti Romeo Squads“ des radikalen Hindu-Priesters

Yogi Adityanath schickt eine Moralpolizei die Straßen – vor allem Moslems geraten ins Visier.

Frederic Spohr Von Frederic Spohr
5. April 2017, Indien
Männer in einem indischen Dorf entspannen sich. Foto: Frederic Spohr

Man muss derzeit nicht viel anstellen, um in das Fadenkreuz der Polizei in Indiens Bundesstaat Uttar Pradesh zu kommen. Es kann ausreichen, ein junger Mann zu sein. Oder noch gefährlicher: ein muslimischer Mann.

Seit wenigen Wochen ist mit Yogi Adityanath ein radikaler Hindu-Priester an der Macht in Indiens bevölkerungsreichsten Bundesstaat mit rund 200 Millionen Einwohnern. Im Wahlkampf hatte der umstrittene Politiker und seine Partei, die BJP, versprochen, mit aller Härte gegen Belästigung und Missbrauch von Frauen vorzugehen.

Tatsächlich muss die Sicherheit für Frauen in Indien deutlich verbessert werden: Vergangenes Jahr hat eine Umfrage der britischen Hilfsorganisation ActionAid ergeben, dass fast 80 Prozent der jungen Frauen in Indien schon einmal in der Öffentlichkeit belästigt worden sind. Lange wurde die teils erschreckende Behandlung von Frauen in Indien tabuisiert – bis die Gruppenvergewaltigung einer Studentin 2012 in Neu Delhi die Öffentlichkeit aufwühlte.

Doch der zum Regierungschef ernannte Hindu-Priester will das Problem auf eigenwillige Art lösen: Der konservative Politiker hat sogenannte “Anti Romeo Squads” auf die Straßen geschickt: Sie patrouillieren jetzt in zahlreichen Städten vor Schulen, Unis und Parks, um  nach “Romeos” Ausschau halten: Eine Bezeichnung für Männer, die Frauen unsittlich angehen.

Doch die vermeintlichen Beschützer schießen oft über das Ziel hinaus – zumal überhaupt nicht klar ist, wer ein „Romeo“ sein soll, und wer nicht: Polizisten sagen jedenfalls, sie könnten „Romeos“ mit „einem Blick in deren Augen, an ihrer Haltung und der Art und Weise wie sie stehen erkennen“. Doch in den Sozialen Netzwerken und indischen Medien wird vielfach davon berichtet, dass die Polizisten Männer grundlos kontrollieren, sie auf die Polizeiwache schleppen oder Bestechungsgelder von ihnen erpressen. Selbst Männer, die vor einem Laden auf ihre einkaufenden Frauen warteten, mussten sich rechtfertigen.

Im Wahlkreis von Adityanath hat die Polizei 50 „Romeos“ kurzzeitig festgenommen, weil sie sich in der Nähe eines Mädchen-Colleges aufgehalten hatten. Nicht nur Jungs sind Ziel der Sittenwächter: Auch Pärchen geraten ins Visier. In der Millionenstadt Ghaziabad stürmten Polizisten in ein Hotel und nahmen 50 Pärchen vorläufig fest. Sie sollen bei “unmoralischem Verhalten” entdeckt worden sein.

Die Zeitung “Hindustan Times” berichtet davon, dass sich in einem beliebten Park in Ghaziabad nur noch fünf statt üblicherweise Hunderte Pärchen entspannten.  Blumenhändler beklagen, dass ihrer Umsätze einbrechen. Kritiker monieren, dass in dem Bundesstaat plötzlich eine Moral-Polizei die Freiheit der jungen Menschen begrenzt.

Zudem befürchten Beobachter, dass speziell muslimische Männer angehalten werden. Verwunderlich wäre das nicht. Adityanath wetterte schon mehrfach gegen den sogenannten “Liebes-Dschihad”. So nennen erzkonservative Hindus die Verschwörungstheorie, der zufolge muslimische Männer Hindu-Frauen verführen, damit sie zum Islam konvertieren. In einem in den Sozialen Netzwerken verbreiteten Video rasieren Polizisten einem Moslem öffentlich die Kopfhaare und beschimpfen ihn als IS-Terroristen, weil er angeblich eine interreligiöse Beziehung habe.

Auch viele Frauenrechts-Aktivistinnen halten von den Sitten-Patrouillen wenig. “Es wird bereits deutlich, dass die sogenannten Anti-Romeo-Squads in vielen Fällen zu mehr Belästigungen von Frauen und Männern führen”, heißt es in einem gemeinsamen Statement. Stattdessen sollten mehr Anlaufstellen für betroffene Frauen geschaffen werden. Dennoch haben die Patrouillen auch zahlreiche Unterstützer gefunden. In anderen Bundesstaaten werden bereits Rufe laut, ebenfalls „Anti Romeo Squads“ auf die Straße zu schicken.

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