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Journalismus

Konjunktur und Pressefreiheit

So berichten Reporter aus autoritär regierten Staaten wie der Türkei.

Philipp Mattheis Von Philipp Mattheis
19. März 2017, China, Indien, Türkei

Philipp Liebe Leserinnen und Leser, immer wieder werden wir gefragt, wie man in autoritären Systemen journalistisch arbeiten kann. Die Länder, aus denen wir berichten, belegen regelmäßig die hinteren Plätze auf dem Index der Pressefreiheit (China Platz 176, Thailand Platz 136, Türkei 151, Indien 131). Bisher konnten wir immer eine Teilentwarnung geben. Ja, natürlich ist es schwieriger in solchen Ländern, an gesicherte Informationen zu kommen. Politiker verweigern die Auskunft. Geschäftsleute wollen sich nur anonym zitieren lassen. Und ja, abseits der großen Städte kann es passieren, dass man von der Polizei verfolgt wird, oder auch für einige Stunden festgesetzt wird, bis die Identität geklärt ist.

Das Schlimmste, was ausländischen Journalisten in Ländern passieren kann, in denen die Pressefreiheit bedroht ist, ist die Ausweisung. Druck üben sowohl China als auch die Türkei bei der alljährlichen Vergabe der Presseausweise aus. Den aber braucht man, um arbeiten zu können, und eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen. Eine Inhaftierung oder gar Anklage – das war bisher nicht im Repertoire der meisten Regierungen. Einen ausführlicherer Bericht zum Thema habe ich vor einigen Tagen auf wiwo.de veröffentlicht.

Diese Gewissheit ist mit der Inhaftierung von Deniz Yücel in Istanbul erschüttert worden. Yücel wird zwar aufgrund seiner doppelten Staatsbürgerschaft von der türkischen Regierung als ein türkischer Journalist behandelt. Trotzdem hat sich Unsicherheit unter den Korrespondenten breit gemacht. Der Vorwurf der „Terrorpropaganda“ zeigt mit welchen absurden Vorwürfen seine einheimischen Kollegen seit langem zu kämpfen haben. Über 150 Journalisten sind mittlerweile in der Türkei in Haft – so viele wie in keinem anderen Land. Kurzfristig – das zeigen auch unsere ausgewählten Links – hat die Pressefreiheit keine negativen Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum eines Landes. Langfristig aber gelingt es kaum einen autoritär regierten Land, zu den führenden Volkswirtschaften der Welt aufzuschließen. Für Innovationen braucht es eben ein Klima der Offenheit, nur dort kann Kreativität gedeihen.

Haben Sie Fragen, Kritik oder Anregungen? Schreiben Sie mir an philippmattheis@8mrd.com.

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Ein schönes Wochenende aus Istanbul wünscht

Philipp Mattheis

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