Wanderarbeiter in China: Das Dorf der verlassenen Kinder
China

Das Dorf der verlassenen Kinder

In Miaoji wächst eine Generation ohne Eltern auf. Die Erwachsenen arbeiten für Chinas Aufschwung in der Stadt.

Philipp Mattheis Von Philipp Mattheis
1. Dezember 2015, China

Kurz nach 16 Uhr stauen sich Dreiräder mit Elektromotor vor der Grundschule in Miaoji.  Die Männer haben furchige Gesichter. Viele tragen grüne wattierte Wintermäntel, schwer wie Decken – Restbestände der chinesischen Volksarmee, eine Größe für alle. Andere haben gefütterte Pyjamas mit bunten Mustern an, in denen sie aussehen wie Teletubbies. Die Temperaturen liegen knapp über Null, auf den Dächern alter Schnee. Die Luft riecht nach Popcorn, das ein Mann vor der Schule verkauft, und nach Abgasen der chinesischen LKW. Ein zotteliger angebundener Hund schnappt nach einem Vogel.

Um 16.30 Uhr ertönt ein Kinderlied über Lautsprecher. Die Tore der Grundschule öffnen sich. Die Dreiradmobile fahren auf den Schulhof, und kommen mit Kindern beladen wieder hinaus. Keiner der Männer und Frauen ist jünger als 60. Es sind die Großeltern der Kinder, denn ihre Eltern arbeiten in den Metropolen des Landes für ein besseres Leben.

Vor Schule von Miaoji: Kein Blingbling wie in Shanghai. Foto: Philipp Mattheis.

Vor der Schule von Miaoji: kein Blingbling wie in Shanghai. Foto: Philipp Mattheis.

Miaoji liegt im Kreis Fuyang in der Provinz Anhui. Die Region keine 500 Kilometer westlich der Metropole Shanghai, gehört zu den ärmsten des Landes. Knapp zehn Millionen Menschen leben hier – die meisten sind Bauern. Fuyang hat so gut wie keine Industrie. Die Gegend hat eine Armuts-Geschichte: Während des „Großen Sprungs nach Vorne“ 1959 bis 1961 verhungerten zweienhalb der damals acht Millionen Einwohner von Fuyang. In den Neunzigern besserten viele Bauern ihr Einkommen mit Blutspenden auf: Mehr als 3000 infizierten sich so mit dem HI-Virus. Heute liegt das Durchschnittseinkommen bei knapp 2500 Dollar im Jahr. In Shanghai ist es sechs Mal so hoch. Wer es zu irgendetwas bringen will, geht deswegen in die Stadt – zurück bleiben die Kinder.

Zweieinhalb Millionen verhungerten

Mit dem glänzenden Blingbling der Metropolen Shanghai, Peking und Shenzhen hat das Leben in Fuyang kaum etwas zu tun. Dicke Hühner laufen hier über matschige Wege, Hunde tragen Rangkämpfe auf der Straße aus. Die Metzgerin hat ihr Fleisch an einer Straßenkreuzung auf einen Holztisch gelegt.

Aus Gegenden wie Fuyang kommen die rund 260 Millionen Wanderarbeiter des Landes. Weil das Einkommensgefälle zwischen Stadt und Land noch immer so groß ist, ziehen jedes Jahr junge Leute in die Städte auf der Suche nach Arbeit. Immer weniger von ihnen arbeiten heute in Textil-Fabriken oder bei Apple-Zulieferern, immer mehr dafür als Kellner, Immobilien-Makler und Call-Center-Mitarbeiter. Ihr Optimismus ist der Treibstoff Chinas – so lange sie es zur Wohlstand bringen können, bleibt auch das revolutionäre Potenzial der Bevölkerung gering. Mit sechs bis sieben Prozent Wachstum im Jahr, glaubt die Partei, diesen Aufstieg in ein besseres Leben gewährleisten zu können.

Die Kinder werden fast nur von Großeltern abgeholt. Foto: Philipp Mattheis

Die Kinder werden fast nur von Großeltern abgeholt. Foto: Philipp Mattheis

Seit 1992 haben sich 400 Millionen in China aus der Armut befreit. 70 Millionen leben noch immer unter der Armutsgrenze. Geht es nach den Plänen Xi Jinpings sollen bis 2020 weitere 70 Millionen folgen. Der Preis für den materiellen Reichtum ist hoch, Familien werden auseinander gerissen.

Xiong Shujiu leitet seit neun Jahren einen Kindergarten. Der 50-Jährige war davor in der Verwaltung tätig, bevor er seinen privaten Kindergarten gründete. „70 Prozent der Kinder hier sehen ihre Eltern nur während des Frühlingsfests“, sagt er. 30 Millionen Kinder wachsen in China ohne ihre Eltern auf, dieselbe Anzahl mit nur einem Elternteil. „Liushou Ertong“, „zurückgelassene Kinder“, nennen sie die Chinesen.

2500 Yuan im Jahr kostet ein Platz bei ihm Jahr, rund 300 Euro. Selbst das können sich in Fuyuan nur gut situierte Eltern leisten. In der Stadt aber kostet ein vergleichbarer Kindergarten das Fünffache. Viele andere Sozialleistungen werden überhaupt nicht vom Staat übernommen. Schuld daran hat ein Meldesystem, das noch aus Revolutionszeiten stammt: das Hukou.Wer auf dem Land geboren ist, hat nur hier Anrecht auf Sozialleistungen wie eine Krankenversicherung. Zieht jemand in die Stadt, muss er sich selbst versorgen. Ändern lässt sich nur mit viel Geld und bürokratischen Aufwand. Nur zögerlich lockert Peking das System.

So lassen viele Eltern ihre Kinder bei den Großeltern zurück, und schicken das Geld zurück. Der Wohlstandstransfer, den in Afrika Auswanderer nach Europa übernehmen, findet in China innerhalb des Landes statt. „Der Gipfel war vor etwa fünf Jahren“, sagt Kindergarten-Leiter Xiong. „Mittlerweile kommen viele zurück.“ Manche gründen hier kleine Unternehmen.

Kindergarten-Leiter Xiong Shujiu: "70 Prozent der Kinder hier sehen ihre Eltern nur während des Frühlingsfests." Foto: Philipp Mattheis

Kindergarten-Leiter Xiong Shujiu: „70 Prozent der Kinder hier sehen ihre Eltern nur während des Frühlingsfests.“ Foto: Philipp Mattheis

Einer von denen ist Zhang Jianzhou. Er arbeitete 15 Jahre als Fenstermacher in Peking. Seine Kinder wuchsen während dieser Zeit ohne ihn und seine Frau auf. Zhang baute sich im Süden von Peking ein kleines Haus, zehn Quadratmeter groß, sagt er. Auf dem Feld bauten er und seine Frau Gemüse an. Genauso wie seine Nachbarn – alle waren sie aus Fuyang. So ist es meistens: Einer aus dem Dorf macht den Anfang und holt die anderen nach. So entstehen kleine Kolonien am Rand der Metropolen.

Seit Juni ist Zhang wieder in seiner Heimat. In den 15 Jahren sparten sie sich insgesamt 400000 Yuan, rund 50000 Euro, an. Mit dem Geld kaufte er sich ein Auto und eine Taxi-Lizenz und reparierte das Haus, in dem sein Vater im vergangenen Jahr gestorben war. Jetzt macht er nur noch ein Drittel von dem, was er in Peking verdiente.“Natürlich ist das nicht gut für die Kinder“, sagt Xiong. „Aber was sollen sie machen?“ Hierbleiben sei für die meisten keine Lösung. Trotzdem rät er den jungen Leuten, nicht in die Stadt zu ziehen. Dort könne man zwar viel verdienen, aber alles sei eben auch viel teurer.

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