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Wie in der DDR

Ägypten leidet an einer schweren Wirtschaftskrise. Wir haben mit den Betroffenen gesprochen.

Philipp Mattheis Von Philipp Mattheis
24. September 2016, Ägypten
Kairo - Ägypten leidet unter einer schweren Wirtschaftskrise

Philipp

Liebe Leserinnen und Leser,
Hamdy Moussas Freiluft-Autowerkstatt in Kairo besteht aus drei Betonklötzen, und einer Kommode. Die Betonklötze stellen sicher, dass keiner seine Werkstatt als Parkplatz missbraucht. In der mit Schlössern gesicherten Holzkommode sind Moussas‘ Werkzeuge. Ja, eine richtige Autowerkstatt habe er auch einmal besessen, aber die habe das Erdbeben 1992 zerstört. Seitdem arbeitet der 64-Jährige so, das geht auch, sagt er mit Zigarette im fast zahnlosen Mund. Auch er muss die Preise erhöhen. „Noch vor zwei Monaten haben die Dinger 70 Pfund (ca. sieben Euro) gekostet“, sagt er und zeigt auf einen Mercedes-Bremsklotz. „Jetzt kosten sie 120 Pfund.“ Auch wenn er die Preise an seine Kunden weitergeben kann, wirkt sich das negativ auf sein Geschäft aus. „Die Leute kaufen sich eher was zu essen, als ihre Bremsen zu reparieren.“

Immerhin gibt es noch Bremsklötze. Für den Fall, dass sie eines Tages ganz ausgehen, hat sich Moussa einen kleinen Vorrat angelegt, den er in einem blauen Plastikbeutel aufbewahrt.

Moussa vor seiner Werkstatt in Kairo

Moussa vor seiner Werkstatt in Kairo. Foto: Philipp Mattheis

Ägypten hat ein Problem: Dem Land gehen die Devisen aus. Die Leistungsbilanz und der Haushalt sind chronisch unausgeglichen. Damit nicht noch mehr Devisen das Land verlassen, hat die Regierung einen Importstopp für „Luxus-Artikel“ verhängt. Die Folge: Ägypten fühlt sich gerade an wie die DDR. In den Supermärkten, klagen reiche Ägypter und Expats, gebe es keinen Philadelphia und Barilla-Nudeln. Sogar die Anti-Baby-Pille soll ausgegangen sein. Gutes Obst, eines der wenigen Export-Artikel des Landes, wird ins Ausland verkauft. Nur die B-Ware landet noch auf heimischen Märkten.

Was es noch gibt an ausländischen Waren, ist unverhältnismäßig teuer, und damit für normale Ägypter unerschwinglich. Hinzu kommt: Die künstlich hoch gehaltene Währung wird auf dem Schwarzmarkt für bis zu 40 Prozent unter dem offiziellen Preis verkauft. Kostet ein Euro bei den Banken um die zehn ägyptische Pfund, kriegt man dafür auf dem Schwarzmarkt 13 bis 14 Pfund.

Ein Kredit des IWF soll dem Land auf die Beine helfen. Bis zu zwölf Milliarden soll der Internationale Währungsfond in den nächsten Jahren dem Land leihen. Weltbank und afrikanische Entwicklungsbank steuern jeweils drei Milliarden hinzu. Mit dem Geld will Ägypten seine Wirtschaft sanieren und Reformen durchführen. Kurzfristig wird das allerdings extrem schmerzhaft werden: Eine Freigabe der Währung wird das Pfund abstürzen lassen. Die Inflation, so schätzen Analysten, wird – zumindest kurzfristig – auf 50 Prozent steigen. Die Regierung soll außerdem Subventionen auf Benzin, Strom, Wasser und andere wichtige Gebrauchsgüter streichen. Eine Mehrwertsteuer hat Kairo bereits eingeführt.

All die Reformen werden vor allem die Unter- und Mittelschicht treffen.

Und das in einem Land, das erst vor fünf Jahren eine Revolution anzettelte. Damals lautete der Slogan „Brot, Freiheit, Würde!“

Haben Sie Fragen, Kritik oder Anregungen? Schreiben Sie mir an philippmattheis@8mrd.com.

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Viele Grüße aus Kairo!

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