Kastensystem

Indiens „Unberührbare“ begehren auf

Die Dalits wehren sich gegen Übergriffe und Drecks-Arbeit.

Ronald Meinardus Von Ronald Meinardus
8. August 2016, Indien
Bettler in Indien, Foto: Pixabay.com/Muxuproo

In Indien dreht sich vieles um die Kuh. Den Hindus ist sie heilig, sie zu verehren und zu schützen, ist eine religiöse Pflicht. Der Schutz der Kuh ist längst auch ein Politikum. In den Zeitungen schreiben Kommentatoren über „cow politics“ – Kuh-Politik.

Es besteht keine Einigkeit in Bezug auf den Umgang mit der Kuh, von einem nationalen kuhpolitischen Konsens kann keine Rede sein. Der Hinduismus ist die Religion der großen Mehrheit. Doch Indien mit seinen 1,3 Milliarden Menschen ist ein multireligiöser Vielvölkerstaat – pluralistisch und vielfältiger als man es sich kaum vorstellen kann. Längst nicht alle Inder glauben, dass die Kuh sakrosankt ist.

Zudem: Indien ist eine föderale Republik. In den 29 Teilstaaten gelten unterschiedliche Gesetze in Bezug auf die Kuh: In einigen ist das Töten des Rindviehs streng verboten, selbst der Besitz von Rindfleisch steht unter Strafe, in anderen Landesteilen gibt es keine Restriktionen. Eine vergleichsweise neue Erscheinung sind Bürgerwehren, die sich den Schutz der Kuh auf die Fahnen geschrieben haben. Die selbst ernannten Tugendwächter, die bisweilen das Gesetz in die eigene Hand nehmen, haben es vor allem auf Viehtransporte abgesehen. Auf den Landstraßen lauern sie Lastwagen auf und verprügeln Fahrer, die Kühe (oft sind es keine Kühe, sondern Büffel) befördern.

Einen nationalen Aufschrei hat ein brutaler Angriff einer Vigilantengruppe im nordwesetlichen Bundesstaat Gujarat ausgelöst. In einem kleinen Ort namens Una fesselten militante Kuhschützer vier Männer und schlugen erbarmungslos mit Stangen und Knüllen auf sie ein. Die Opfer sind Mitglieder einer Dalit-Familie. Früher nannte man diese Menschen „Unberührbare“ oder „Kastenlose“. Die politisch korrekte Bezeichnung für diese nach wie vor stigmatisierte und teilweise extrem marginalisierte Gruppe ist Dalit – die „gebrochenen“ Menschen.

Im indischen Kastensystem sind die Dalits traditionell, ja: von Geburt – verdammt, die schmutzigsten, unreinsten Arbeiten zu verrichten. Klassische Betätigungen sind das Reinigen von Latrinen. Oder – und dabei sind wir wieder bei der Kuh – die Entsorgung von Kuhkadavern. Eben dieser Tätigkeit gingen die vier Dalits nach, als sie von den Vigilanten attackiert wurden. Offensichtlich hatten die Fanatiker in ihrem Wahn vermutet, die Dalit-Männer vergehen sich beim Häuten der Tierleichen an gesundem Rindvieh. „Seit Generationen häuten wir Kuh-Kadaver, nie zuvor sind wir bei unserer Arbeit angegriffen worden“, sagt eines der Opfer von Una. „Wir sind Söhne von Hindus, und könnten niemals eine Kuh schlachten.“

Soziale Medien und politische Agenda

Die öffentliche Züchtigung wäre vermutlich unbeachtet geblieben, wäre da nicht ein Video auf einem Handy, das sich viral im Netz verbreitete, bald die traditionellen Medien erreichte und sodann auch die Politik beschäftigte. Die Sequenz unterstreicht die Macht der sozialen Medien beim Aufdecken sozialer Missstände. Auch in Indien bestimmen Facebook, Twitter und WhatsApp längst mit, was auf die politische Agenda kommt.

Seither vergeht kein Tag ohne Medienberichte über die Dalits und ihre Lage. Zeitungen bringen Sonderseiten, im Fernsehen diskutieren Talkshow-Gäste emotional über das Thema. Auch die Politik schaltet sich ein. Indien ist eine Demokratie. In dem Riesenland ist – nicht zuletzt aufgrund der lokalen Autonomie und der föderalen Gliederung – irgendwo immer Wahlkampf. 200 Millionen Dalits sind eine wichtige Zielgruppe.

Die Opposition wird nicht müde, der hindunationalistischen Regierungspartei BJP die Schuld an dem Übergriff zu geben. Wachsende Intoleranz gegen Minderheiten und religiöser Fanatismus hätten zugenommen , bedrohen den Zusammenhalt der Nation, so lautet der in unterschiedlichen Stimmlagen vorgebrachte Vorwurf gegen die Regentschaft von Ministerpräsident Narendra Modi.

Die BJP tut sich schwer mit der Abgrenzung zu den Hindu-Fanatikern, die das Gesetz in die eigene Hand nehmen. Nach langem Schweigen hat Modi jetzt einen Teil der Kuhschützer als „anti-sozial“ bezeichnet, ohne dabei im einzelnen auf die Fälle einzugehen, die seit Wochen die Öffentlichkeit beschäftigen. Eine Verurteilung hört sich anders an, meinen die Kritiker mit Hinweis auf die engen Verbindungen zwischen der Regierungspartei und den gewalttätigen Kuh-Freunden. Für die Opposition sind die Fronten klar: „Der Angriff (gegen die Dalits) war von der BJP gesponsert“, sagt Kodikunnil Suresh von der Kongress-Partei in der Lok Sabha, dem indischen Unterhaus.

Man macht es sich zu leicht, wenn man die Kuh-Fanatiker allein in den Reihen oder an den Rändern der Hindu-Partei Modis ortet. In einer gründlich recherierten Reportage dokumentiert der „Indian Express“, dass auch Mitglieder der oppositionellen Kongress-Partei, die sich gerne als Behüterin des indischen Säkularismus profilert, zu den Vigilanten zählen. Zudem erfahren wir in dem Artikel, das die Gruppen häufig den Schutz der örtlichen Behörden geniessen.

Tatsache ist, dass Übergriffe gegen Dalits statistisch zugenommen haben. Unabhängige Beobachter erklären den statistischen Anstieg mit einer höheren Melderate. Diese sei Ausdruck eines neuen Selbstvertrauens der Dalits. In der alten Ordnung, in der jeder Inder seinen sozialen Platz kannte und sich dem Schicksal fügte, war es schwer vorstellbar, dass ein „Unberührbarer“ den Übergriff seitens eines Mitglieds einer höheren Kaste bei der Polizei anzeigt.

Viele Dalits haben den Untertanengeist abgelegt. Zahlreiche Nichtregierungsorganisationen und Verbände streiten für die Rechte der „Entrechteten“. Solidarität, politische Kampagnen und – nicht zuletzt – die sozialen Medien zeigen Wirkung. Als Reaktion auf die Übergriffe sind die Kuh-Bestatter aus der Unterklasse in einen unbefristeten Streik getreten. Sie gelobten, die toten Tiere nicht länger zu entsorgen. Seither verwesen vielerorts die toten Kühe auf offener Straße, ein für viele Inder gänzlich unerträglicher Anblick. Kommunalverwaltungen ringen ob des Ausstandes nach Alternativen der Entsorgung.

Auch die Latrinen-Putzer müpfen auf. Die Verleihung des renommierten Magsaysay-Preises für Menschenrechte an ihren Anführer Bezwada Wilson gibt ihnen Mut. Seit 30 Jahren kämpft der Dalit-Aktivist an vielen Fronten für die Bannung der manuellen Fäkalien-Beseitigung. Das gesetzliche Verbot der Drecks-Arbeit müsse endlich umgesetzt werden, so die Forderung des Preisträgers. Auch hier gilt: Ein Gesetz in Indien ist längst keine Garantie, dass es in die Tat umgesetzt wird.

Bürger zweiter Klasse?

„Es ist kein isolierter Vorfall“, sagt YS Alone, Professor an der Jawaharlal Nehru Universität, die wegen ihrer angeblich „anti-nationalen“ Umtriebe selbst in die Schusslinie der Hindu-Nationalisten geraten ist. „Das öffentliche Kesseltreiben erinnert die Dalits daran, dass sie in Angst leben müssen. Dass sie Bürger zweiter Klasse sind trotz des Grundrechts auf Gleichheit.“

Die indische Verfassung verbietet die Kastendiskriminierung. Mit einer Vielzahl von Gesetzen und Programmen versucht der Staat, das althergebrachte System der sozialen Segregation und Ausgrenzung zu bekämpfen. Die wirtschaftliche Liberalisierung, die seit Anfang der neunziger Jahre zur Modernisierung in vielen Bereichen beigetragen hat, eröffnet Chancen auch für viele Dalits. Es gibt eine kleine Unternehmerklasse und auch in der Politik haben sich Dalits nicht zuletzt als Folge staatlicher Förderprogramme festgesetzt. Es scheint, der Prozess der Emanzipation ist unaufhaltsam, doch nicht alle Inder sind erfreut über die schrittweise Überwindung der „sozialen Apartheid“.

„Die oberen Kasten fühlen sich seitens der Dalits bedroht, sie denken voller Nostalgie an die Vergangenheit und das Kastensystem“, sagt Chandra Bhan Prasad, ein Dalit-Unternehmer. Er ist einer der ganz wenigen, die den Sprung nach oben geschafft hat.

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