Indiens Unternehmerlegende Ratan Tata gibt offen zu, mit den Entwicklungen im Internet kaum mithalten zu können. Der 78 Jahre alte Industrielle, der eigentlich längst in Rente ist, etabliert sich dennoch als eine der wichtigsten Stützen für Indiens aufstrebende Internetfirmen. Seit Jahresbeginn investierte er im Schnitt jede Woche in ein neues Start-up-Unternehmen. „Ich lerne dabei laufend etwas Neues“, erklärt Tata, der zwei Jahrzehnte lang mit der Tata-Gruppe einen der größten Konzerne des Subkontinents leitete.
Seine jüngste Investition verkündete Tata zu Beginn dieser Woche: Er beteiligte sich an dem E-Commerce-Unternehmen Moglix, das Industriegüter an Firmenkunden verkauft. In den Wochen zuvor stieg Tata zudem bei Online-Händlern für Tee, Babyprodukte und Haustierbedarf ein. Auch die Gründer einer Start-up-Analysefirma und einer Gutscheinwebseite haben von Tata in diesem Jahr bereits Geld bekommen.
Moglix-Gründer Rahul Garg zeigt sich von seinem neuen Geschäftspartner beeindruckt: „Wir sind extrem erfreut, nun eine Ikone der indischen Industrie als Ratgeber zu haben“, sagt er. Die Arbeit Tatas, der in seiner Zeit als aktiver Manager unter anderem für die Entwicklung des Kleinwagens Tata Nano verantwortlich war, sei für ihn immer eine Inspiration gewesen. „Wir freuen uns auf seine Anleitung.“
Im Internet fühlt sich Tata verloren
Dabei kennt sich Tata, der sich 2012 aus der Chefetage des gleichnamigen Familienkonzerns zurückzog, nach eigenen Worten im Internet schlechter aus als die Kinder seiner Angestellten. „Ich muss gestehen, dass mich die digitale Welt überholt hat“, sagte der Manager Anfang des Jahres. In Computerfragen richtig fit sei er zuletzt Mitte der 80er-Jahre gewesen. Im Internet fühle er sich nun verloren. „Ich bin fünf, zehn oder gar 20 Schritte zurück und bin beeindruckt davon, dass die Tochter meines Kochs auf diesem Gebiet mehr leisten kann als ich.“
Auf sein unternehmerisches Gespür konnte sich Tata aber bislang verlassen. An Start-ups beteiligt er sich bereits seit 2014 und stieg in dieser Zeit auch bei Indiens mittlerweile am stärksten gefragtesten Internetunternehmen wie dem Taxi-Dienst Ola oder der E-Commerce-Plattform Snapdeal ein. Das Online-Shopping Portal, das aktuell mit rund fünf Milliarden Dollar bewertet wird, erhielt 95 Prozent seiner Investorengelder erst nachdem Tata sein Engagement verkündet hatte.
Gütesiegel für Start-ups
Tatas Beteiligungen, deren Umfang in der Regel nicht kommuniziert wird, gelten in Indiens Start-up-Szene inzwischen als eine Art Gütesiegel: Wenn sich der Vorzeigeunternehmer für eine Firma interessiert, dann ist sie auch für andere Investoren einen näheren Blick wert. Gründer sehen in Tatas Investitionen eine Bestätigung, auf dem richtigen Weg zu sein. Snapdeal-Chef Kunal Bahl erzählte im Januar auf einer Start-up-Konferenz in Mumbai, dass er bei seinem ersten Treffen mit Tata unbedingt ein Foto mit dem prominenten Unternehmer machen wollte: „Ich zeigte es dann meiner Mutter und sie sagte: Ja, du machst genau das Richtige.“
Dass Indiens Internet-Unternehmen gute Zukunftsaussichten haben, glauben auch viele Analysten. Der E-Commerce-Markt des Landes gehört zu den am schnellsten wachsenden der Welt. Die indische Handelskammervereinigung Assocham rechnet für dieses Jahr mit einem sprunghaften Anstieg der Umsätze von 23 Milliarden US-Dollar im Jahr 2015 auf nun 38 Milliarden Dollar. Für Tata ist das aber nicht der einzige Grund, in die Start-ups zu investieren. „Ich bin kein Zahlenmensch, sondern folge meiner Intuition“, sagt er. Er sei sich recht sicher, dass daher auch nicht jede Investition gut ausgehen werde. „So ist das Leben nun mal.“
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