In Indien sind Hochzeiten aufwendige Unterfangen. Standesgemäße Feiern gelten als viel beachtetes Statussymbol, Pomp und Prunk gehören zum guten Ton.
Hochzeiten sind ein Riesengeschäft. Gold spielt bei all dem eine Schlüsselrolle: Der Status einer Familie zeigt sich auch an der Menge des Goldschmucks, den die Braut als Mitgift in die Ehe bringt: „Gold und Schmuck machen zwischen 35 bis 50 Prozent der Ausgaben bei Hochzeiten aus“, schreibt S. Amutha Rani in einem Bericht über die Bedeutung des Goldes für die indische Wirtschaft.
Jährlich feiern die Inder zwischen acht und zehn Millionen Hochzeiten. Die Zeitung „The Times of India“ berichten, dass bei jeder Heirat zwischen 200 und 300 Gramm des Edelmetalls die Besitzer wechseln: Zusammengenommen ergeben die Armreifen, Ringe und Halsketten, die an indischen Hochzeiten verschenkt werden, eine gewaltige Menge des kostbaren Metalls.
Auf dem internationalen Goldmarkt gehört Indien seit jeher zur Spitze. Den erste Tabellenplatz bei den Einfuhren haben die Inder kürzlich an den asiatischen Rivalen China verloren. Mittelfristig, so die Experten, sieht es nicht danach aus, dass sich an dieser Rangfolge etwas ändern würde.
Aktuelle Daten belegen rückläufige Geschäfte: Die„World Gold Council“ (WGC), eine Lobby-Organisation der Goldbergbauindustrie, vermeldet für das dritte Quartal 2017 die schlechtesten Importzahlen in sieben Jahren. Im Vergleich zum Vorjahr seien die Einfuhren um 24 Prozent zurückgegangen. Bis zum Ende des Jahres, so die Prognose des Verbandes, werden die Inder 650 Tonnen Gold importieren, „üblich“ seien 845 Tonnen, schätzt P.R. Somasundaran, der die WGC in Indien vertritt: „Das schwache indische Quartal ist die Hauptursache für den globalen Nachfragerückgang.“
Dabei sah es noch vor wenigen Monaten ganz anders aus. Von historischen Zuwächsen war die Rede; im ersten Halbjahr stiegen die indischen Gold-Importe um das zweieinhalbfache, meldete Bloomberg. Doch dann brach im September die Nachfrage plötzlich ein.
Entscheidend für die Rückgänge beim Gold seien die Jagd der Modi-Regierung auf das Schwarzgeld und einhergehend eine im Sommer eingeführte landesweite Umsatzsteuer, erklärten die Analysten. Kaum hatten die Inder den Schock der Bargeldreform vom November des vergangenen Jahres verarbeitet, wartete die Regierung in Neu Delhi mit weiteren Maßnahmen auf: Eine Ausweispflicht beim Kauf von Schmuck und Gold verunsicherte potentielle Käufer, die ihr Bargeld in Edelmetall umwandeln wollten. Zwar hat die Regierung auf Druck der Juwelier-Lobby die Maßnahme zurückgenommen, Verunsicherung und Zurückhaltung sind bei vielen Indern geblieben. Nicht förderlich für das Gold-Geschäft ist auch die dreiprozentige Umsatzsteuer, die zusätzlich zum zehnprozentigen Importzoll auf Goldprodukte aufgeschlagen wird.
Für Indiens Volkswirtschaft hat die Obsession der Menschen mit dem Gold viele negative Folgen. Der Schmuck aus dem leuchtenden Metall ist zwar schön anzusehen. Am Ende bleibt das teure Gold aber totes Kapital. Maschinen und Fabriken seien volkswirtschaftlich sinnvoller als Halsketten und Goldbarren, argumentieren die Kritiker des Goldes: Anders angelegt könnte das Geld dem Schwellenland auf seinem mühsamen Weg aus der Armut große Dienste leisten.
Die Milliarden, die die Inder jedes Jahr für ihre Gold-Einkäufe ausgeben, belasten die chronisch defizitäre Leistungsbilanz; auch der Wechselkurs der Landeswährung Rupie gerät unter Druck.
Nicht erst die amtierende Regierung des Narendra Modi ist bemüht, die Importe des Edelmetalls zu drosseln. Auch die Vorgängerregierungen verfolgten dieses Ziel – mit begrenztem Erfolg, wie wir heute wissen.
Es ist ein mühsames Unterfangen, das sich gegen jahrhundertealte Traditionen und Gewohnheiten richtet. Wenig Erfolg zeigte die Einführung von Importzöllen, die in mehreren Schritten angehoben wurden und heute zehn Prozent betragen. Jeder Anstieg der Zölle erhöhte die Kreativität der Schmuggler: „The Times of India“ berichten von einer neuen Generation von „Alchemisten“, deren Ziel es ist, das wertvolle Edelmetall in Formen zu bringen, die bei Zollfahndern nicht auffallen. Die Phantasie ist offenbar grenzenlos: so werde Gold in Batterien, Haushalts- oder Sportgeräten verarbeitet, besonders erfinderisch sei die Verflüssigung des Metalls und der Transport in Behältern für Reinigungsmittel, berichtet die Zeitung.
Gefahr droht dem indischen Gold-Markt weniger durch Zölle und die einhergehende Verteuerung. Weitaus wichtiger ist das geänderte Anlageverhalten vor allem des wachsenden indischen Mittelstandes im Zuge allgemein verbesserter wirtschaftlicher Bedingungen. Landsam setzt sich in Indien offenbar die Erkenntnis durch, dass sich Anlage in modernen Finanzprodukten möglicherweise besser rentiert als die Investition in Gold. Traditionell ist Gold in Südasien nicht nur ein Geschenk zur Hochzeitsfeier. Gold galt und gilt auch als sicherer Hafen in Krisenzeiten und als Sicherheit gegen die Inflation.
Politisch erlebt Indien unter Narendra Modi eine Phase der Stabilität, in den zurückliegenden zwei Jahren haben sich die Preise stabilisiert, Inflation ist in Indien heute kein Thema. Gleichzeitig vermelden die Aktienmärkte neue Höchststände. Nicht nur Börsianer schwärmen vom Boom an den Börsen.
„Gold verliert den Glanz“ titelt eine indische Wirtschaftszeitung mit Hinweis auf aktuelle Anlagetrends. Die heimische Gold-Industrie konzediert schleppende Geschäfte, will von einem Ende der Leidenschaft der Inder für das wertvolle Metall aber nichts wissen. Auch der Weltgoldverband ist zuversichtlich für das Geschäft mit Indien: Für 2020 rechnet man mit einem Anstieg der Einfuhren auf 950 Tonnen pro Jahr – rund ein Drittel mehr als die Experten für 2017 voraussagen.
Dr. Ronald Meinardus ist der Leiter des Regionalbüros Südasien der Friedrich Naumann Stiftung für die Freiheit (FNF) in Neu Delhi. Twitter: @Meinardus